Es schien die Sonne, als ich sie zum letzten Mal sah. Als sie mir sagte,
dass sie mich nicht mehr liebt, und ich ihr sagte, dass ich sie schon noch
lieb‘, musste sie die Augen zukneifen, weil die Sonne sie so geblendet hat.
Und dann ging sie einfach, sie stieg in den nächsten Bus, der sie nach
Hause brachte, der aber erst fünf Minuten nach unserem Gespräch kam.
War dann irgendwie komisch. Und ich stand dann da noch so, obwohl
quasi ja schon alles vorbei war. Obwohl ich ihr schon ein schönes Leben
gewünscht hatte.
Man bekommt selten die Möglichkeit, einem anderen noch ein schönes
Leben zu wünschen, einfach weil man sich selten so sicher sein kann,
jemanden zum letzten Mal zu sehen. Außer wenn einer sicher stirbt, aber
der kann mit dem schönen Leben ja dann nicht mehr viel anfangen. Ich
habe gelernt, dass Freundschaften genauso sterben können, aber
Freundschaften liegen dann meistens so reglos in der Ecke herum und
man muss alle paar Tage mal nachschauen, ob sie schon tot sind oder
nicht einfach nur sehr lange schlafen. Beziehungen hingegen werden
meist durch einen gewaltsamen Kopfschuss ermordet (auch wenn sie zugegeben oft noch etwas Zeit brauchen, um auszubluten).
Solche Abschiede will man dann aber eigentlich immer anders haben.
Man will sich anschreien. Man will Drama. Man will Regen. Man will oft
auch einen Grund, aber ein Ende muss ja nicht immer einen Grund haben.
Manchmal sind Dinge auch einfach vorbei. Aber man will auf jeden Fall
nicht, dass die Sonne scheint.
Aber die Sonne schien. Die Kinder lachten, die Blumen blühten und das
Leben war schön, nur meins halt nicht. Schlimm war auch die Uhrzeit. Es
war nichts, keine Sonnenuntergangszeit , nicht mitten in der Nacht,
sondern es war beschissene, bedeutungslose 12:47 Uhr, als sie mir sagte,
dass sie mich nicht mehr liebt und ich ihr sagte, dass ich sie schon noch
lieb‘. Und die Sonne schien.Ein Regenschauer wäre so schön gewesen,
ein tobender Sturm, gegen den wir hätten anschreien müssen, um uns
gegenseitig zu verstehen. Und melancholische, aber kräftige Klaviermusik
, die sich aufgebaut hätte, um alles noch dramatischer zu machen. Aber
man bekommt ja nicht immer das, was man will. Es wäre aber schön
gewesen, wenn die Atmosphäre um mich herum wenigstens ein bisschen
zu der Stimmung in mir drinnen gepasst hätte.
Aber es schien die Sonne, als ich sie zum letzten Mal sah. Und ich setzte
mich an die Haltestelle, um auf den Regen zu warten.
Erik Hädrich 02.05.2022
Cover-Art von Mimalija
Veröffentlicht in der studentischen Literaturzeitschrift Johnny der Goethe Uni Frankfurt – Ausgabe „Atmosphäre“


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