Seit sie verheiratet waren, hatten sie sich geholfen, wenn etwas nicht da war, wo es sein sollte. Tatsächlich auch vorher schon. Also eigentlich, seit sie sich kannten.
Wusste er nicht, wo er wieder seine verdammte Brille hingepackt hatte, machte sie ihn darauf aufmerksam, dass er sie doch schon auf der Nase trug. Wusste sie nicht mehr, wo sie die Hefe hingestellt hatte, um wie jeden Sonntag Dinkelbrot nach dem Rezept ihrer Mutter zu backen, hatte er sie bereits zum Teig gestellt. Fand er seine Jacke nicht im Schrank, wusste sie, dass er sie wieder über dem Sessel hatte hängen lassen.
So lief ihre Ehe vierzig Jahre lang. Ständig legten beide ihre Sachen irgendwo ab, wo sie nicht hingehörten, aber das war kein Problem, solange der andere immer da war, wo er hingehörte.
Zwar waren sie beide ein wenig “schusselig”, wie sie stets zu sagen pflegten, doch war sie schon immer etwas schusseliger gewesen als er. Sie vergaß zum Beispiel oft Termine, weil sie noch auf dem falschen Kalenderblatt war. Oder Geburtstage. Doch immer, wenn sie am nächsten Tag sagte: „Verdammt, hatte nicht gestern die …“, unterbrach er sie, legte seine Hand auf ihren Arm und erwiderte: „Ja, hatte sie. Ich soll schöne Grüße bestellen.“
Es passte alles so gut zusammen. Er war das Yin zu ihrem Yang und die Ordnung zu ihrem Chaos – bis das Chaos zu groß wurde und sie Gedanken in ihrem Kopf an Stellen packte, wo sie nicht hingehörten.
„Mensch, hatte ich denn den Herd schon ausgemacht?“, fragte sie manchmal abends vor dem Fernseher. Er wunderte sich darüber, obwohl das ja eigentlich ein gewöhnlicher Gedanke war. Nur nicht dreimal am selben Abend und erst recht nicht, wenn man an diesem Abend auswärts gegessen hatte.
Irgendwann dann wurde er nachts von Geräuschen aus der Küche geweckt und merkte, dass sie nicht neben ihm lag. „Was machst du denn um die Uhrzeit hier? Mitternachtsappetit?“, fragte er sie verschlafen, aber liebevoll, im Pyjama in der Küche stehend, nachdem er das Licht angemacht hatte. „Ach, Mensch. Was wollte ich denn … Ich denke, ich wollte bloß ein Glas Wasser. Ich komme gleich wieder ins Bett. Danke, dass du nach mir schaust.“
Am nächsten Tag war Jahrestag für die beiden. Also nicht Hochzeitstag und auch nicht Jahrestag ihres Kennenlernens oder so, der Jahrestag ihres ersten Kusses. War früher nichts Besonderes für sie, im Alter lernt man aber die Momente zu feiern, wie sie kommen. Er ging also früher in die Küche, um sie mit Frühstück zu überraschen. Ihn verwirrte der Anblick des Topfschwamms in der Besteckschublade und des Toastbrots bei den Pfannen und Töpfen. Nichts war da, wo es hingehörte. Aber sie war ja immer schon ein wenig schusselig gewesen, dachte er sich mit leiser Sturheit, und legte alles unverdrossen wieder an seinen Platz.
„Schatz, Essen ist fertig!“, rief er in Richtung Schlafzimmer, doch sein Ruf wurde vom Zufallen der Wohnungstür übertönt. Erschreckt schaute er sich in der Wohnung um; seine Frau konnte er nicht finden. Vielleicht war sie ja im Garten, ein paar Blumen gießen? Doch auch ein Blick nach draußen half nicht weiter. Ihr Handy hatte sie natürlich drinnen liegen gelassen, aber richtig umgehen konnte sie damit sowieso nicht. Voller Sorge setzte er sich an den gedeckten Frühstückstisch und schaute machtlos aus dem Fenster.
Nach einer halben Stunde, die sich nach einem halben Tag anfühlte, hörte er endlich die Wohnungstür erneut gehen. Erleichtert, aber angespannt, stand er auf und ging ihr entgegen: „Na”, begrüßte er sie in bemüht heiterem Ton, “Abenteuer gehabt?“
„Was? Ach, ich wollte nur eben mal nach drüben und schauen, wie es meiner Mama geht.“
Er runzelte die Stirn. Ihre Mutter war vor über 20 Jahren verstorben. Doch er hinterfragte es nicht. Er wollte nicht.
„Ich hab‘ schon den Tisch gedeckt!“, sagte er stattdessen.
Sie setzte sich freudig und mit größter Selbstverständlichkeit, und sie frühstückten gemeinsam, wie an jedem Jahrestag. Naja. Sie war ja schon immer etwas schusselig gewesen.
Die Tage und Wochen vergingen und immer wieder musste er nachts aufstehen, um sie zurück ins Bett zu holen, musste ihr hinterherlaufen, um sie zu fragen, wo sie gerade hinwollte, musste ihr ein spitzes Küchenutensil aus der Hand reißen, damit sie sich nicht versehentlich damit verletzte. Aber so war es eben. Sie ergänzten sich gut.
Bis sie eines Tages aufwachte und der Tisch nicht mehr gedeckt war. Sie schaute auf den Kalender. „Ach, wieder Sonntag. Schön!“ – und backte ihr Dinkelbrot ohne Hefe und stellte es neben die drei anderen Dinkelbrote ohne Hefe in den Ofen, der seit einer Woche nicht mehr gelaufen war. Anschließend ging sie spazieren. Wohin, wusste sie nicht. Und warum denn nicht eigentlich mal mit ihm? War doch früher auch immer so schön. Und wohin verschwand der Gedanke jetzt wieder? Und warum war keine der Erinnerungen mehr da, wo sie hingehörte?
Nichts, nichts, nichts war mehr da, wo es hingehörte, und nichts schien wieder in Ordnung zu kommen. Weil vor allem er nicht mehr da war, wo er hingehörte. Das Yin zu ihrem Yang, die Ordnung zu ihrem Chaos fehlte.
Erik Hädrich, 27.06.2022
Cover-Bild von Natalie Petzke
Dieser Text wurde erstveröffentlicht in der studentischen Literaturzeitschrift Johnny der Goethe Uni Frankfurt: Chaos und Ordnung


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