Im Guten auseinander

„Im Guten auseinandergehen“ klingt immer nach einem schöneren Plan als nach der schreckhaften Umsetzung, die am Ende immer dabei rumkommt. Jedenfalls jetzt dieses eine Mal, bei uns beiden, aber mit Sicherheit eben auch bei anderen. Kaum hat mich eine Situation in ihrer brutalen Ironie so sehr wehgetan, wie hier jetzt bei ihrer Hochzeit zu sitzen, aber halt als einsamer Gast, plus Null, und nicht vorne, neben ihr vor dem Altar.
„Im Guten auseinander“… auch wenn ich sie seit einem halben Jahr nicht mehr gesprochen habe, hat sie diese geheuchelte Klausel in dem Testament unserer Beziehung wohl dazu veranlagt, mich einzuladen und nun hocke ich hier, habe mit noch niemandem gesprochen, was ich jetzt auch nicht mehr will, da die einzigen übrigen Nüchternen nur noch Rentner oder Kinder sind, und ich futter dem Buffet die Käsespieße weg. Weil ich diese Käsespieße liebe, aber auch, weil mein Sitz so weit weg von dem Buffet positioniert war, dass ich von der Margherita-Pizza nichts mehr abbekam, als ich nach dem Pilgerweg schließlich dort ankam. Fühle mich auf dieser Party ein wenig wie ein veganes Angebot in einer deutschen Gaststätte, irgendwie findet es niemand schlecht, dass ich da bin, aber so richtig brauchen tut mich hier auch keiner.
Ich weiß gar nicht, was ich hier tue. Höflichkeit? Als hätte ich in dieser Beziehung noch irgendetwas, was sich verlieren ließe. Und ich bezweifle, dass sie ihre Meinung nochmal ändert. Ihr „Ja, ich will“ klang vorhin jedenfalls recht überzeugend. Besaufen hätte ich mich ja können, schließlich war dem Brautpaar super wichtig, dass jeder hier Anwesende möglichst viel und möglichst schönes trinken kann und dann freuen sie sich noch drüber, wenn man zur Bar läuft und ihnen das Budget wegsäuft. Irgendwann im Leben muss man wohl diese Entscheidung zwischen Einfamilienhaus und Hochzeit treffen. Sollte ich ein Mal heiraten bitte ich einfach jeden Gast darum, möglichst was Hartes mitzubringen und dann feiern wir halt irgendwo im Schützenhaus im Dorf oder sowas. Hat doch auch was.
Aus der Ferne kann ich einige tanzenden Paare und hüpfenden Gruppen beobachten, bis ich das Brautpaar erspähe und sehe, wie die Braut nur sehr auffällig ihren Finger auf mich richtet und ihren Jetzt-Ehemann mit zu meinem leeren Tisch zerrt.
„Hey, schön dass du es geschafft hast, hab dich noch gar nicht gesehen! Das ist übrigens Leon!“
Scheiße. Meine Fake-Höflichkeit war noch nicht wieder richtig hochgefahren, das letzte Mal habe ich sie gebraucht, als ich ihre Eltern am Empfang getroffen habe und die mich gefragt haben wies mir so geht. „Wie solls mir schon gehen, scheiße nochmal. Schaut mich an, ich trage den gleichen Anzug wie zu meiner verdammten Konfirmation, weil ich mir einen neuen nicht leisten kann, weil ich schon wieder von Minijob zu Minijob hangel, mein Bett im WG-Zimmer bricht halb zusammen, weshalb ich sowohl an Schlafmangel als auch an Rückenschmerzen leide und lieber würde ich mir die Kugel geben als später live zu beobachten wie meine bisherigen Zukunftswünsche durch 3 Worte eliminiert werden!“, dachte ich mir so. „Ach mir gehts super! Und selber?“, sagte ich dann so.
„Oh hi! Nett, dich kennen zu lernen!“, sage ich. Ja super nett. Und noch netter ist, wie ich beobachte, wie sein Lächeln genau so nach Heuchlerei stinkt wie meines, als ich ihm die Hand gebe: „Freut mich!“, spuckt er mir entgegen. Also, nicht wirklich, aber in meinem Kopf hat es sich schon sehr deutlich wie ein Spucken angefühlt.
„Wie gehts dir denn, sag mal? Wie hat dir die Feier bis jetzt gefallen?“ Sind solche Fragen eigentlich ernst gemeint oder versucht sie mich nur wieder darauf aufmerksam zu machen, dass wir doch „im Guten auseinandergegangen sind“?
„War super, wirklich! Der DJ (der den ganzen Abend nur Deutschrap, Helene Fischer (komische Mischung, ich weiß) und Remixe von Deutschrap und Helene Fischer gespielt hat) macht seinen Job echt gut, die Trauung (die kaum einschläfender hätte sein können. Glaube kurz habe ich wirklich die Augen zugemacht und ein wenig geträumt) war wirklich emotional und das Essen (wie vorhin erwähnt, was zu schnell leer war) war mega lecker!“
„Ach, das freut mich ja. Magst du nicht ein wenig tanzen?“
„Nein, danke. Ich wollte eigentlich gleich gehen, muss morgen noch meinen Zug erwischen. Oh, aber fast vergessen!“, ich ziehe einen Umschlag aus meiner Innentasche, „Euer Hochzeitsgeschenk! Wollte es dir lieber persönlich geben!“
Sie nimmt den Umschlag entgegen.
„Oh ja schade, aber vielen Dank dass du gekommen bist und für das Geschenk! Komm gut nach Hause!“
Ich stehe von meinem Sitz auf und beginne, mich mit ausladenden Gesten davon zu bewegen.
„Ach, ich finds wirklich schön, dass das geklappt hat, weißt du. Mit dem ‚im Guten Auseinandergehen‘ und so“, während sie diese Worte spricht weist sie mit ihrer Mimik und Betonung bewusst darauf hin, wie unangenehm ihr das eigentlich schon ist, das anzumerken.
„Ja, freut mich auch“, lüge ich und verschwinde.
Keine Ahnung was jetzt noch kommt, wenn überhaupt irgendwas, würde aber schon gerne eine Reaktion sehen, wenn sie den Umschlag später öffnet und kein Geld oder nette Grüße wiederfindet sondern bloß ein gekrakeltes „Ich vermisse dich“.

Erik Hädrich, 26.11.2021

Cover-Art von Natalie Petzke


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